WM 2018: Moskau-Reise - wie erstaunlich sich die Stadt verändert hat - SPIEGEL ONLINE


WM 2018 Moskau - verwandelte Stadt

Noch vor ein paar Jahren kostete es Nerven, in Moskau zu wohnen. Für eine so reiche Stadt war die Lebensqualität faszinierend schlecht. Doch schlagartig veränderte die Metropole ihr Gesicht. WM-Besucher werden staunen.

DER SPIEGEL

Aus Moskau berichten und und Katja Kuznetsowa (Video)


Wer zur Fußball-WM nach Moskau reist, wird erstaunt sein. Die russische Hauptstadt sieht nicht so aus, wie die meisten Deutschen sie sich vorstellen. Selbst diejenigen, die sie schon einmal besucht haben, werden sie kaum wiedererkennen. Moskau hat sich in den letzten paar Jahren von Grund auf verändert.

Auch mich, der ich Moskau seit Langem kenne, hat diese jüngste Verwandlung überrascht.

Es ist, als wohnte ich heute in einer anderen Stadt als der, in die ich vor zehn Jahren gezogen bin. Damals, 2008, hatte Moskau noch den typisch post-sowjetischen Flair.

Quer über den vielspurigen Kutusowski-Prospekt waren Viagra-Reklamebanner gespannt. Auf den Bürgersteigen parkten kreuz und quer klapprige Ladas und schwarz glänzende Porsche Cayennes. Kaum ein Auto hielt am Zebrastreifen. Dafür schützte sich noch der kleinste Supermarkt mit einem eigenen Wachmann. Vor jeder U-Bahn-Station wurde gehandelt und verkauft, aus kleinen Kiosken, die wie Pilze aus dem Boden geschossen waren.

So sieht eine Stadt aus, wenn sie nach 70 Jahren Kommunismus in kürzester Zeit vom Kapitalismus zurückerobert wird. Moskau war spannend und lebendig, aber ungemütlich. Für eine Stadt mit so viel Geld hatte es faszinierend wenig Lebensqualität. Es kostete Nerven, dort zu wohnen.

Das Moskau von heute ist anders, und die Veränderung wird meist mit dem Wechsel im Bürgermeisteramt verbunden. 2010 wurde der durchaus beliebte Juri Luschkow vom Kreml entlassen und durch Vizepremier Sergej Sobjanin ersetzt, einem blassen Funktionär. Demokratisch war das nicht. Aber es wurde der Beginn eines neuen Entwicklungsschubs für die Stadt.

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WM 2018: Moskau - verwandelte Stadt

Die Moskauer merkten das zuerst am Gorki-Park. Der riesige Park war seit Stalins Zeiten so etwas wie das gemeinsame Wohnzimmer der Moskauer, die aus ihren viel zu kleinen Wohnungen hierher ins Grüne flüchteten. Aber die Neunziger hatten daraus einen schäbigen Rummelplatz gemacht, mit Schießbuden und einer gebraucht importierten Geisterbahn - "Fantastische Reise" stand immer noch auf Deutsch über dem Eingang. Heute kostet der Park keinen Eintritt mehr. Dafür ist er stilvoll hergerichtet mit luftigen Holzpavillons und sauberen Wiesen, die man betreten darf. Es gibt kostenlose Tanz- und Yoga-Kurse, und an Eisständen im Retro-Look wird "Plombir" verkauft, das beliebte Speiseeis aus Sowjetzeiten.

Der Gorki-Park heute: grün, kultiviert
Getty Images

Der Gorki-Park heute: grün, kultiviert

Die Moskauer waren begeistert. Im Gorki-Park wirkte Moskau plötzlich wohnlich, kultiviert, europäisch, und auch die Moskauer selbst wirkten im Park wie ausgetauscht. So groß war der Jubel, dass der Journalist Oleg Kaschin über einen "Gorki-Park-Kult" klagte. Ob die Stadt wirklich keine anderen Probleme habe? "Jetzt werden wir Moskau Millimeter um Millimeter europäisieren", spottete er 2011, "und in 100 Jahren wird man die Stadt nicht wiedererkennen."

Der Spott war unangebracht. Die Stadt hat sich schneller verändert, als die Skeptiker wahrhaben wollten. Moskau wurde auf Befehl von oben umgemodelt, auf eine für Russland typische rasante Weise. Dieses Land liebt ja Großprojekte. Es kann vielleicht nicht anders. Es bewegt sich in großen Schritten oder gar nicht.

Buchstäblich über Nacht lösten sich die Einkaufsbuden auf den Bürgersteigen in Luft auf - meine Gemüsehändlerin war plötzlich verschwunden, mein Zeitungshändler, mein Bäcker. Die kleine Ladenzeile an der U-Bahn-Station Kropotkinskaja wurde in der Dunkelheit in einen Trümmerhaufen verwandelt, weinende Ladenbesitzer beriefen sich vergeblich auf Gerichtsentscheide zu ihren Gunsten. Der Regierung war das egal. Sie wollte die Innenstadt vom architektonischen Wildwuchs der Neunziger befreien. Dass viele Kioske zwar illegal errichtet, aber nachträglich legalisiert worden waren, hinderte sie nicht.

Auch die Autos verschwanden plötzlich von den Bürgersteigen. 2013 begann die Stadt Moskau, Geld für das Parken zu verlangen - ein unerhörter Schritt, jedenfalls für die anarchistischen Moskauer Autofahrer. Parkplätze wurden markiert, Parkscheinautomaten aufgestellt, die Bezahlung per App und SMS ermöglicht. Eine ganze Flotte von Kleinwagen mit Kameras kontrolliert das Parkverhalten.

Kutusowski-Prospekt, Ende der Neunzigerjahre
AP

Kutusowski-Prospekt, Ende der Neunzigerjahre

Die freigewordenen Bürgersteige wurden völlig umgestaltet. Die Twerskaja-Straße erhielt Bäume und auch der hässliche Gartenring. Die Pretschistenka, in deren Nähe ich wohne, war im Sommer 2017 dran. Tage- und nächtelang hörte ich Presslufthämmer und Steinsägen, Schutt-Transporter und Bagger. Es wurde ein schlafloser Sommer. "Die Stadt sieht aus, als wäre die Wehrmacht doch noch nach Moskau gekommen", giftete ein Oppositionskandidat in meinem Wahlkreis bei den Gemeindewahlen. Viele machten sich lustig über die Obsession des Bürgermeisters, überall teure Granitplatten zu verlegen.

Die Straßen sehen jetzt gepflegter und besser aus, aber auch ein wenig steril. Die Fahrbahnen wurden verengt, die Bürgersteige verbreitert. Auf eigenen Busspuren fahren jetzt neue Busse statt uralter Trolleybusse. Man kann neuerdings sogar Rad fahren in Moskau, ohne sein Leben zu riskieren, es gibt Radwege und Leihstationen. Sogar Tretroller mit Elektroantrieb kann man so mieten. 2008 hatte ich mich in Moskau als Radfahrer noch sehr, sehr einsam gefühlt.

Warum, kann man sich fragen, hat man das nicht früher schon in Angriff genommen? Hat es etwa die Fußballweltmeisterschaft gebraucht, um Moskau umzugestalten? Ich glaube, die Verschönerung der Stadt hat mehrere Gründe - gesellschaftliche, politische, verkehrstechnische. Aber die WM hat sie beschleunigt.

Verkehrstechnisch war die Stadt 2010 nah am Kollaps. Der Sozialismus hatte Moskau zwar gigantisch breite Straßen beschert. Aber irgendwann reifte die Erkenntnis, dass auch die breitesten Straßen der Welt nicht ausreichen, wenn die Moskauer nicht auf U-Bahn und Busse umsteigen. Und dafür wiederum musste die Innenstadt für Fußgänger attraktiv gemacht werden.

Neues Lebensgefühl im Gorki-Park
AFP

Neues Lebensgefühl im Gorki-Park

Gesellschaftlich war Moskau über die Jahre von Putins ersten Amtszeiten näher an Westeuropa gerückt. Eine neue Mittelschicht war gewachsen und hatte sich zwischen die ganz Reichen und die ganz Armen geschoben. Eine Generation junger, gebildeter Großstädter mit Auslandserfahrung und ohne existenzielle Sorgen verglich das eigene Lebensumfeld mit dem anderer Städte in Europa, Amerika oder Asien. Es waren Menschen, für die der Alltag kein Überlebenskampf mehr war und der öffentliche Raum keine Gefahrenzone, die man am besten schnellstens durchquert. Es wurde sozusagen wärmer auf Moskaus Straßen, und zwischendurch durfte auch mal gelächelt werden.

Es waren dieselben Menschen, die 2011 und 2012 gegen Putins Rückkehr in den Kreml auf die Straße gingen. Und vielleicht versteht man die Proteste falsch, wenn man denkt, dass es ihnen bloß um Freiheit ging. Es ging auch darum, ein Gefühl von Stillstand zu überwinden. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass die Umgestaltung Moskaus aus Sicht des Kreml einen politischen Sinn hat. Es ist, als würde er den unzufriedenen jungen Großstädtern sagen: Freiheit können wir euch leider nicht geben, aber eine schöne moderne Stadt könnt ihr haben. Bürgerämter, Radwege, Open-Air-Festivals - bitte schön, greift zu!

Der Inbegriff dieses unausgesprochenen Deals zwischen Regierung und Bürgern ist für mich der Triumfalnaja-Platz. Früher traf sich dort jeden zweiten Monat die Opposition, um für mehr Freiheit zu demonstrieren. Dann wurde der Platz abgesperrt, für Bauarbeiten. Jetzt ist er autofrei, dafür hängen dort lauter Schaukeln, auf denen die jungen Moskauer hin- und herpendeln. Schaukeln statt Demonstrieren, das ist das Angebot.

U-Bahn-Station Fonwizinskaja
Getty Images

U-Bahn-Station Fonwizinskaja

Und die Weltmeisterschaft? Sie hat es erlaubt, gewaltige Ausgaben für die Verschönerung des städischen Raums zu rechtfertigen. Das Programm "Meine Straße" aus dem die Sanierung einzelner Straßenzüge finanziert wurde, hat allein 2017 (37,6Mrd Ru=) eine halbe Milliarde Euro gekostet. Sämtliche Maßnahmen zur Erschließung, Verschönerung oder Sanierung des öffentlichen Raums zusammengenommen haben im selben Jahr die unglaubliche Summe von 243 Milliarden Rubel (3,3 Millliarden Euro) gekostet.

Die Geografin Natalja Subarjewitsch hat die Hauruck-Methoden der Stadtregierung mit den Methoden der Bolschewiki verglichen. Ohne demokratische Legitimation, ohne Rücksicht auf Kosten würden die Moskauer "mit harter Hand ins urbanistische Paradies gezwungen", kommentierte sie in der Wirtschaftszeitung "Wedomosti". Die Moskauer haben sich das selbst nicht aussuchen dürfen. Vielleicht hätten viele von ihnen vorgezogen, wenn das Geld statt in teure Granit-Bordsteine in Rentenzuschläge oder Kliniken flösse. Ganz zu schweigen von den Nicht-Moskauern, die ohnehin bloß neidisch auf die reiche Hauptstadt schauen können.

Sarjadje-Park
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Sarjadje-Park

Aber das ist nicht die Sorge der deutschen WM-Besucher, die in diesen Tagen nach Moskau reisen und eine neue Stadt begutachten können mit deutlich mehr Lebensqualität als früher.

Nicht alles ist rechtzeitig fertig geworden. Die Sesselbahn zum Beispiel, die vom Luschniki-Stadion hochführt auf die Sperlingsberge jenseits der Moskwa (wo eine Fan-Zone eingerichtet wird), geht noch nicht in Betrieb. Dafür gibt es jetzt gleich neben dem Kreml den hochmodernen Sarjadje-Park, gestaltet von New Yorker Landschaftsarchitekten. Man muss ihn nicht in jeder Hinsicht gelungen finden, um beeindruckt zu sein von der Entwicklung, die Moskau in kurzer Zeit durchgemacht hat. So wie einst das sowjetische Moskau untergegangen ist, so verschwindet jetzt das post-sowjetische Moskau, die wilde Stadt der Neunziger. Willkommen in der Gegenwart.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
schnurre64 17.06.2018
1. Interessanter Beitrag
Ein sehr guter, informativer Beitrag mit entsprechender Kritik. Solche im Kern positiven Beiträge zum Stichwort Moskau waren in letzter Zeit doch sehr selten.
JonHH 17.06.2018
2. Spannender Bericht
Wir haben schon viele europäische Städte besucht, Russland kam aber nie in Betracht - bis auf St. Petersburg vielleicht. Dieser Bericht über das "neue Moskau" macht Lust darauf, sich die Stadt anzuschauen. Auch und gerade aufgrund der geschilderten Gegensätze und jüngsten Veränderungen.
kuschl 17.06.2018
3. Wird schon
Siebzig Jahre kommunistische Unfähigkeit machen sich halt auch im Stadtbild bemerkbar. Moskau hat nach der Zarenzeit besonders gelitten. Kopfschüttelnd stand ich im Kreml vor angebohrten Wandmalereien, vor die Regale mit Parteiakten gestellt waren. Das wird schon wieder. Sankt Petersburg hat man auch einigermaßen wieder hingekriegt, auch dort hatte man viel wertvolle Bausubstanz verkommen lassen. Russland ist ein an Bodenschätzen unsagbar reiches Land und kann sich die Sanierung leisten.
spon-facebook-1209487699 17.06.2018
4.
Das bin ich vom Spiegel nicht mehr gewohnt. Ausgezeichnetes Deutsch und so sachlich. Würde am Liebsten sofort hinfliegen.
orage 17.06.2018
5. Mag ja sein,
dass sich die Lebensqualität in Moskau verbessert hat - für mich gilt trotzdem, was ich vor vielen Jahren, noch zu Zeiten der UdSSR, nach meiner Rückkehr entsetzt gesagt habe: "Dort war ich zwei Mal, zum ersten und zum letzten Mal." Es fehlt das Wesentliche: die Freiheit.
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